Preisträger BDA-Architekturpreis Rheinland-Pfalz 2012

Kronenraumforschungsturm der TU Kaiserslautern

Trippstadt

Kronenraumforschungsturm der TU Kaiserslautern

Trippstadt
Projekt
Kronenraumforschungsturm der TU Kaiserslautern
Architekt
Kirchspitz.pg1, Kaiserslautern
Bauherr
TU Kaiserslautern

Aus der Juryentscheidung:

Mitten im Pfälzerwald steht ein Turm, eine archetypische Erscheinung, ein gelungenes bauliches Experiment. Der Turm folgt konsequent den funktionalen und konstruktiven Vorgaben hinsichtlich natürlichem Umfeld und Aufgabenstellung. Er fügt sich selbstverständlich und trotzdem eigenständig und ablesbar in den Stieleichen- Buchenwald ein und interpretiert subtil in Form und Proportion die ihn umgebenden Baumsilhouetten.

Seine Gestaltung gibt ihm eine unverwechselbare Identität, die sich schlüssig aus der inneren Funktionalität herleitet. Das gewählte Rahmentragwerk unterstützt diesen Gedanken und schafft den nötigen Freiraum für Forschung und Bewegung. Sowohl die Modularität der Einzelelemente und die ökonomisch als auch ökologisch ausgewählten, eher rohen Materialien sind ein innovativer und sehr angemessener Beitrag für einen Bau dieser Aufgabenstellung.

Der Turm liefert einen hervorragenden Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit und verantwortlichem Umgang mit Ressourcen. Durch diese Gesamthaltung wird er als Teil des Ganzen empfunden.

2002 entstand an der Universität Kaiserslautern die Idee, einen Turm zur Erforschung des Baumkronenraums im Biosphäreneservat Pfälzerwald-Nordvogesen zu erstellen. Er soll die Grundlagenforschung im Fachbereich Biologie langfristig sichern. Gleichzeitig soll das frei bewitterte und chemisch nicht behandelte Bauwerk Auskunft darüber geben, wie sich die Witterung auf das Material auswirkt.

Mitten im Stieleichen-Buchenwald im Hornungstal zwischen Trippstadt und Kaiserslautern steht seit kurzem der hölzerne Turm aus Furnierschichtholz. Das Bauwerk dient den Biologen der Abteilung Pflanzenökologie und Systematik zur Erforschung der in den Baumkronen lebenden Organismen. Hohe Vorgaben wurden von den Biologen gemacht, um eine umweltverträgliche Langzeitforschung zu ermöglichen ohne das Baumkronenökosystem zu beeinflussen. Der Turm darf auf minimaler Grundfläche Prozesse im Waldboden nicht stören, muss sich 36 Meter hoch zwischen die Baumkronen schieben, darf keine seitlichen Abspannungen besitzen und soll den Forschern in den verschiedenen Stockwerken des Waldes Bewegungsfreiheit bieten – das alles möglichst aus nachwachsenden Rohstoffen und ohne Holzschutz-Imprägnierung, die die angrenzenden Mikroorganismen beeinträchtigt.

Um den Forschern einen möglichst offenen Zugang zum Kronenraum der zu untersuchenden Bäume einzurichten, wurde ein Rahmentragwerk gewählt und auf die bei solchen Bauwerken sonst übliche Diagonalaussteifung verzichtet. Somit besteht über die großen Öffnungen maximale Bewegungsfreiheit über die volle Höhe des Baumes. Auf den sechs Plattformen haben die Biologen Raum für Forschung und Lehre. Über zusätzliche Ausleger besteht die Möglichkeit, auch die entfernteren Kronenbereiche in Augenschein zu nehmen.

Die grundlegende Gestaltung basiert dabei auf einer rationalen Haltung. Der Turm verdichtet die Vorgaben aus Funktion und Tragwerk zur einer archetypischen Erscheinung, die dem Formenreichtum der Natur eine eigene Gestalt hinzufügt. Sie wird somit Teil des Ganzen und behauptet sich erst bei der näheren Betrachtung. Nicht ohne Grund finden Besucher den Forschungsturm erst nach intensiver Suche.

Das aus unbehandelten Kerto®-Furnierschichtholzplatten erstellte Bauwerk mit einer Grundfläche von nur drei mal drei Metern steht auf einer 110 Zentimeter starken Stahlbetonfundamentplatte, die auf Kleinbohrpfählen gegründet ist. Die vier zug- und druckbelasteten Bohrpfähle sind etwa zehn Meter ins Erdreich eingebunden, davon vier Meter in Fels. Um den Turm ausreichend vor Bodenfeuchte und Schlagregen zu schützen wurde die Fundamentoberkante etwa 60 Zentimeter über den Waldboden gelegt. Von dort geht es per Steigleiter über sechs Zwischenebenen hinauf bis zu den Wipfeln der rund 35 Meter hohen Bäume.

Die Turmbeanspruchungen werden über die Wandflächen, die Bodenplatte und die Bohrpfähle ins Erdreich abgetragen. Die Tiefgründung mit Kleinbohrpfählen stellt hinsichtlich der Bauausführung und des Platzbedarfs die schonendste Art für das bestehende Ökosystem dar, um die erheblichen Beanspruchungen aus Windbelastung aufzufangen. Die minimalinvasive Vorgehensweise setzt sich auch in der Montage des Turms fort. Eine durch mehrere Prozesse optimierte Konstruktion in Abstimmung mit Architekt, Tragwerksplaner, Holzbauunternehmen, Zimmerer und Kranunternehmen ermöglicht den Aufbau in nur drei Teilen an zwei Vormittagen in dem dicht bewachsenen Bestand. Dabei wurde der Lebensraum der Baumkronen kaum berührt.

Preisträger

BDA-Architekturpreis Rheinland-Pfalz 2012 – Anerkennung